Seit Wochen schriebe ich nichts zu Ende. Und doch wimmert mein Kopf gerade so mit Gedanken. Zu viele Gedanken, vielleicht, dass ich nicht mehr weiss, wo ich anfangen soll. Da Schreiben eine gewisse Ordnung benötigt. Auch die Gedanken an Freunden, die ich seit Monaten nicht geschrieben habe, obwohl ich sie nie vergesse. Es ist einfach alles zu viel.
Ich merke immer mehr in letzter Zeit, wie viel im Leben nicht kognitiv ist. Ich meine nicht, dass die Dinge unbeschreiblich ist – man kann vieles beschrieben, aber das Wort ersetzt das Ding nicht. Das Präsentsein. Das Sinnengespür.
Und ich bin doch ein Mensch des Wortes. Ich brauche die Sprache - die Versprachlichung von Erlebnissen – um fest zu halten. Damit ich überhaupt einen Anhaltspunkt habe an etwas, was dauert. Und um handeln zu können.
Manchmal habe ich eine wahnsinnige Angst vor dem Tod. Nicht weil ich es mir vorstellen kann, was das wirklich heisst, ich denke, das kann niemand. Der Verlust des Ichs besorgt mich. Oder sagen wir es genauer: Angst, dass ich sterben werde, bevor ich alles sagen kann, was in mir liegt. Was ich zu sagen habe. Nur ich. Nicht weil ich denke, dass ich neues, welterschütterndes zu sagen habe, sondern weil es eine Art Überleben ist. Und weil ich vielleicht allzuviel Literaturwissenschaftler bin, der die Welt schließlich als ein Stück Papier versteht, das zu beschriften ist. Und zu lesen. Ach, dieser Wunsch, gelesen zu werden. Und wenn ich daran glaube, dass jeder von uns eine Aufgabe im Leben hat, bedeutet das: eine Erzählung, die erzählt werden, die verwirklicht werden muss. Als ob Menschen Romane wären. Als ob man dabei in der Welt selbst Ordnung und Bedeutung stiften könnte, und nicht nur mit Worten.
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Donnerstag, 5. Mai 2011
Sonntag, 24. Oktober 2010
Verzögerungen
Ich denke ernsthaft daran, für eine Promotionsstelle zu bewerben. Die Gründe, warum ich mich dagegen entschieden habe, sind nach wie vor gültig. Trotzdem: I feel like a cop-out. Als ob ich einfach zu feig war. Die Angst, dass ich nach der Promotion scheitere, ist groß. Und dann wäre ich noch weniger als jetzt in der Lage, Arbeit zu finden. Deshalb der Wunsch zu beweisen, dass ich etwas anderes tun kann.
Aber ich habe mich auch mit diesem Beruf identifiziert. Mich als Akademiker verstanden. Ich wäre gern Professor geworden. Den Traum aufzugeben -- und nicht weil ich etwas anderes gefunden habe, das mir lieber ist, sondern einfach weil ich mich nicht traue, es zu schaffen -- bedeutet, sich zu sagen: ich bin nicht gut genug, ich bin der Herausforderung nicht gewachsen.
Ich merke schon, dass ich aufs Lernen nicht konzentrieren kann: Wozu, wenn das einzige, was ich wirklich gut tun kann, nicht mehr nötig ist?
Ich habe das Gefühl: nur an der Uni gibt es Arbeit, die allein ich leisten kann. Die Frage, ob die Welt wirklich noch einen Germanisten nötig hat, ist berechtigt. Wer die Welt verändern will, soll einen anderen Beruf finden. Aber es geht hier eher um etwas anderes. Ich habe hier etwas zu sagen, was sonst niemand sagen wird.
Und jetzt, als es unmöglich aussieht, diesen Beruf auszuüben und das eigene Leben zu gestalten wie ich will, fällt es mir schwer, sich von diesem Traum zu verabschieden.
Die Abschlussfeier rückt heran, und ich denke an die Professoren, die an mich geglaubt haben. Die mich unterstützt haben. Ich hätte es so gern, dass sie über mich sagen könnten, ich werde nun als Doktorandin an einer guten Uni studieren. Ich bin sonst nicht ehrgeizig, aber ich will, dass sie stolz auf mich sein können. Weil ich gute Aussichten vor mir habe. Stattdessen habe ich das Gefühl, ich enttäusche sie und mich. Als ob ich versagt habe.
Da ich ja sagen muss: ich weiss nicht, wie es weiter geht.
Aber ich habe mich auch mit diesem Beruf identifiziert. Mich als Akademiker verstanden. Ich wäre gern Professor geworden. Den Traum aufzugeben -- und nicht weil ich etwas anderes gefunden habe, das mir lieber ist, sondern einfach weil ich mich nicht traue, es zu schaffen -- bedeutet, sich zu sagen: ich bin nicht gut genug, ich bin der Herausforderung nicht gewachsen.
Ich merke schon, dass ich aufs Lernen nicht konzentrieren kann: Wozu, wenn das einzige, was ich wirklich gut tun kann, nicht mehr nötig ist?
Ich habe das Gefühl: nur an der Uni gibt es Arbeit, die allein ich leisten kann. Die Frage, ob die Welt wirklich noch einen Germanisten nötig hat, ist berechtigt. Wer die Welt verändern will, soll einen anderen Beruf finden. Aber es geht hier eher um etwas anderes. Ich habe hier etwas zu sagen, was sonst niemand sagen wird.
Und jetzt, als es unmöglich aussieht, diesen Beruf auszuüben und das eigene Leben zu gestalten wie ich will, fällt es mir schwer, sich von diesem Traum zu verabschieden.
Die Abschlussfeier rückt heran, und ich denke an die Professoren, die an mich geglaubt haben. Die mich unterstützt haben. Ich hätte es so gern, dass sie über mich sagen könnten, ich werde nun als Doktorandin an einer guten Uni studieren. Ich bin sonst nicht ehrgeizig, aber ich will, dass sie stolz auf mich sein können. Weil ich gute Aussichten vor mir habe. Stattdessen habe ich das Gefühl, ich enttäusche sie und mich. Als ob ich versagt habe.
Da ich ja sagen muss: ich weiss nicht, wie es weiter geht.
Donnerstag, 16. September 2010
Sprachverlust
So schnell vergisst man. Schon nach zwei Wochen merke ich, wie die Sprache immer weiter zurückweicht. Die Leichtigkeit beim Reden ist vorbei, ich muss die Worte entgraben und ich höre. wie die amerikanischen Vokalen immer deutlicher im meinem Mund werden. Das, obwohl meine Rede immer noch manchmal vom deutschen Syntax leicht geprägt ist.
So schnell geht es.
Anfangs wohl noch auffälliger als sonst, als ob das Gehirn wegen der Zeit, in der die Muttersprache vertrieben wurde, kompensieren will: jetzt wird Deutsch abgeriegelt.
Der Widerstand, wenn ich versuche, Deutsch zu reden.
Wie damals, vor fast neun Jahren, damals, als ich von Deutschland zurückkam und beinahe zusammenbrach.
Auch damals das Gefühl, alles sei mir bekannt aber ich wäre nicht da. Wie ein Fiebertraum.
Das Gefühl, ich kann auf gar nichts konzentrieren. Dissociation.
Das Gehirn wehrt sich. Ein Schutzreaktion. Wegen des Schmerzes. Weil es sonst viel zu viel weh tun würde. (Kann man Heimweh sagen, wenn es nicht Zuhause ist, nach dem man sich sehnt?)
Es ist, als ob ich meine Erlebnisse in Deutschland hier nicht mitteilen kann.
Gestern war ich bei einem Treffen der internationalen Studenten wo auch einige Deutschen dabei waren. Was sagt man eigentlich? Es ist ja nicht selbstverständlich, dass ich Deutsch kann, dass ich mich überhaupt für Deutschland interessiere.
Irgendwie bin ich schüchtern geworden, ich will mich ja nicht auf sie drängen, nur weil sie aus Deutschland kommen. Als ob wir deswegen zwangsläufig etwas gemeinsam hätten. Und ich will nicht tun, als ob ich ein Paar Semester Deutsch gelernt habe und es kaum erwarten kann, mit einem „real live German“ meine 5 oder 6 Floskeln auszuprobieren. Ich habe ähnliches zu oft erlebt. Es war mir immer höchst peinlich.
Wie sage ich, ich bin Germanistin, ich kenne mich in Deutschland gut aus, ich bin gerade von Deutschland zurückgekommen. Wenn ich selbst das Gefühl habe, kein Teil mehr an Deutschland zu haben?
Ich war so lange Ausländerin. Jetzt sind die Rollen getauscht; ich bin die Einheimische. Und darauf war ich irgendwie nicht vorbereitet. Dort drüben bedeutet es etwas anderes, Amerikanerin zu sein, als wenn ich hier bin. In Deutschland war alles irgendwie einfacher.
Ich könnte alles mit ein paar Sätze auf Deutsch erklären. Aber man weiß nie, ob es erwünscht ist. Wie es interpretiert wird.
Wahrscheinlich würden die Deutschen sich freuen, so unerwartet eine Amerikanerin zu treffen, die ziemlich gut Deutsch kann und ihre Kultur liebt. Aber es kann auch als eine Beleidigung empfunden werden, als Kritik an ihre Englischkenntnisse. Vor allem wenn sie hier gekommen sind, um ihr Englisch zu verbessern.
Ich habe es zu oft in Deutschland erlebt, das jemand hartnäckig mit mir Englisch redete, obwohl ich Deutsch konnte und wollte. Und dass es mir immer verletzte, als ob man mir nicht zutraute, Deutsch zu können, auch wenn ich wusste, so war es nicht gemeint.
Das will ich niemandem anderen antun.
Mir fällt es sowieso immer schwer, die Sprache plötzlich zu wechseln, wenn ich mein Gesprächspartner nicht schon sehr gut kenne. Ich habe immer das Gefühl, ich darf nicht, sowas tut man nicht, es ist unhöflich, anmaßend.
So schnell geht es.
Anfangs wohl noch auffälliger als sonst, als ob das Gehirn wegen der Zeit, in der die Muttersprache vertrieben wurde, kompensieren will: jetzt wird Deutsch abgeriegelt.
Der Widerstand, wenn ich versuche, Deutsch zu reden.
Wie damals, vor fast neun Jahren, damals, als ich von Deutschland zurückkam und beinahe zusammenbrach.
Auch damals das Gefühl, alles sei mir bekannt aber ich wäre nicht da. Wie ein Fiebertraum.
Das Gefühl, ich kann auf gar nichts konzentrieren. Dissociation.
Das Gehirn wehrt sich. Ein Schutzreaktion. Wegen des Schmerzes. Weil es sonst viel zu viel weh tun würde. (Kann man Heimweh sagen, wenn es nicht Zuhause ist, nach dem man sich sehnt?)
Es ist, als ob ich meine Erlebnisse in Deutschland hier nicht mitteilen kann.
Gestern war ich bei einem Treffen der internationalen Studenten wo auch einige Deutschen dabei waren. Was sagt man eigentlich? Es ist ja nicht selbstverständlich, dass ich Deutsch kann, dass ich mich überhaupt für Deutschland interessiere.
Irgendwie bin ich schüchtern geworden, ich will mich ja nicht auf sie drängen, nur weil sie aus Deutschland kommen. Als ob wir deswegen zwangsläufig etwas gemeinsam hätten. Und ich will nicht tun, als ob ich ein Paar Semester Deutsch gelernt habe und es kaum erwarten kann, mit einem „real live German“ meine 5 oder 6 Floskeln auszuprobieren. Ich habe ähnliches zu oft erlebt. Es war mir immer höchst peinlich.
Wie sage ich, ich bin Germanistin, ich kenne mich in Deutschland gut aus, ich bin gerade von Deutschland zurückgekommen. Wenn ich selbst das Gefühl habe, kein Teil mehr an Deutschland zu haben?
Ich war so lange Ausländerin. Jetzt sind die Rollen getauscht; ich bin die Einheimische. Und darauf war ich irgendwie nicht vorbereitet. Dort drüben bedeutet es etwas anderes, Amerikanerin zu sein, als wenn ich hier bin. In Deutschland war alles irgendwie einfacher.
Ich könnte alles mit ein paar Sätze auf Deutsch erklären. Aber man weiß nie, ob es erwünscht ist. Wie es interpretiert wird.
Wahrscheinlich würden die Deutschen sich freuen, so unerwartet eine Amerikanerin zu treffen, die ziemlich gut Deutsch kann und ihre Kultur liebt. Aber es kann auch als eine Beleidigung empfunden werden, als Kritik an ihre Englischkenntnisse. Vor allem wenn sie hier gekommen sind, um ihr Englisch zu verbessern.
Ich habe es zu oft in Deutschland erlebt, das jemand hartnäckig mit mir Englisch redete, obwohl ich Deutsch konnte und wollte. Und dass es mir immer verletzte, als ob man mir nicht zutraute, Deutsch zu können, auch wenn ich wusste, so war es nicht gemeint.
Das will ich niemandem anderen antun.
Mir fällt es sowieso immer schwer, die Sprache plötzlich zu wechseln, wenn ich mein Gesprächspartner nicht schon sehr gut kenne. Ich habe immer das Gefühl, ich darf nicht, sowas tut man nicht, es ist unhöflich, anmaßend.
Montag, 26. Juli 2010
Quo vadis
Ich wusste, dass es so kommen wurde.
Dass ich nach einem Jahr in Deutschland gerne länger bleiben würde. Und die Bedingungen dafür: Arbeit finden.
Ich wusste auch -- ich kenne mich nur zu gut -- dass ich es wahrscheinlich nicht schaffen wurde.
Und so ist es in der Tat. Abgesehen von ein Paar halbherzigen Versuchen, bin ich nicht weiter gekommen. Ich lebe zu viel Tag für Tag, dass Planen um die Zukunft mir leicht fällt.
Und bald ist es so weit. Die Heimkehr rückt heran, und Ende des Jahres der Studiumabschluß. Ich kann es nicht mehr lange aufschieben, die Flugkarten für die Heimfahrt zu kaufen. Doch hatte ich gehofft, dass das Jahr Klarheit bringen wurde.
Ich weiss nicht, was danach kommt.
So viel ich geneigt bin, zu promovieren, bezweifle ich immer mehr, ob es die richtige Entscheidung wäre. Nicht nur, dass ich nach wie vor das Gefühl habe, eine Promotion bedeutet, nichts taugen als Artikeln schreiben, die nur ein Handvoll andere Akademiker interessieren. Nicht nur, dass es durchaus unsicher ist, ob man nachher eine Stelle findet, nicht nur, dass man oft nicht aussuchen kann, in welchem Ort man leben und arbeiten will.
Es kommt mir zu isolierend vor. So viel Zeit alleine im Zimmer sitzen und versuchen, einen Artikel fertigzuschreiben. Immer alleine. Und nie richtig darüber austauschen können, nie wissen, ob die Arbeit zu etwas taugt. Ich habe das schon genug getan. Zu viel.
Aber was bleibt sonst? Übersetzen. Englisch im Ausland unterrichten. Und dafür braucht man meistens eine spezielle Ausbildung, nichts unpraktisches wie Literaturwissenschaft.
Ich will einfach für jemanden arbeiten, der mich braucht. Mich als Individuum. Nicht als eine Liste von Qualifikationen.
Und das Auslandsjahr, das für mich so wichtig war? Hat es so viel gebracht? Wäre es wirklich so viel anders gewesen, wäre ich einfach in den USA geblieben? Ich weiss es nicht. Nur habe ich das Gefühl, versagt zu haben. Ich habe es nicht zustande gebracht, die alte, bequeme Gewohnheiten zu verändern, ich habe es nicht geschafft, selbst aktiv am Leben teilzunehmen, anstatt -- wie immer -- am Rande zu stehen und bloß zuzuschauen.
Aber zu Hause wäre es wohl nicht anders gewesen. Und hier kann ich wenigstens Deutsch reden.
Dass ich nach einem Jahr in Deutschland gerne länger bleiben würde. Und die Bedingungen dafür: Arbeit finden.
Ich wusste auch -- ich kenne mich nur zu gut -- dass ich es wahrscheinlich nicht schaffen wurde.
Und so ist es in der Tat. Abgesehen von ein Paar halbherzigen Versuchen, bin ich nicht weiter gekommen. Ich lebe zu viel Tag für Tag, dass Planen um die Zukunft mir leicht fällt.
Und bald ist es so weit. Die Heimkehr rückt heran, und Ende des Jahres der Studiumabschluß. Ich kann es nicht mehr lange aufschieben, die Flugkarten für die Heimfahrt zu kaufen. Doch hatte ich gehofft, dass das Jahr Klarheit bringen wurde.
Ich weiss nicht, was danach kommt.
So viel ich geneigt bin, zu promovieren, bezweifle ich immer mehr, ob es die richtige Entscheidung wäre. Nicht nur, dass ich nach wie vor das Gefühl habe, eine Promotion bedeutet, nichts taugen als Artikeln schreiben, die nur ein Handvoll andere Akademiker interessieren. Nicht nur, dass es durchaus unsicher ist, ob man nachher eine Stelle findet, nicht nur, dass man oft nicht aussuchen kann, in welchem Ort man leben und arbeiten will.
Es kommt mir zu isolierend vor. So viel Zeit alleine im Zimmer sitzen und versuchen, einen Artikel fertigzuschreiben. Immer alleine. Und nie richtig darüber austauschen können, nie wissen, ob die Arbeit zu etwas taugt. Ich habe das schon genug getan. Zu viel.
Aber was bleibt sonst? Übersetzen. Englisch im Ausland unterrichten. Und dafür braucht man meistens eine spezielle Ausbildung, nichts unpraktisches wie Literaturwissenschaft.
Ich will einfach für jemanden arbeiten, der mich braucht. Mich als Individuum. Nicht als eine Liste von Qualifikationen.
Und das Auslandsjahr, das für mich so wichtig war? Hat es so viel gebracht? Wäre es wirklich so viel anders gewesen, wäre ich einfach in den USA geblieben? Ich weiss es nicht. Nur habe ich das Gefühl, versagt zu haben. Ich habe es nicht zustande gebracht, die alte, bequeme Gewohnheiten zu verändern, ich habe es nicht geschafft, selbst aktiv am Leben teilzunehmen, anstatt -- wie immer -- am Rande zu stehen und bloß zuzuschauen.
Aber zu Hause wäre es wohl nicht anders gewesen. Und hier kann ich wenigstens Deutsch reden.
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